Finanzbetrug: Kriminelles Syndikat raubt tausenden Europäern ihr Erspartes
29. September 2025
Von
Nico Schmidt
Maxence Peigné
Leïla Miñano
Sasa Dragojlo
Georgina Choleva/Spoovio
Finanzbetrug: Kriminelles Syndikat raubt tausenden Europäern ihr Erspartes
Georgina Choleva/Spoovio
Von
Nico Schmidt
Maxence Peigné
Leïla Miñano
Sasa Dragojlo
29. September 2025
DE
Eine millionenschwere Betrugsmaschine auf dem Balkan hat über Jahre das Vertrauen unzähliger Opfer missbraucht. Das Netzwerk agierte in ganz Europa, aber die Behörden sind nahezu machtlos.
Im Sommer 2020 klickte Anna Leitner auf eine Online-Anzeige. Die
erweckte den Anschein, als würde Red-Bull-Gründer Dietrich
Mateschitz ein bislang kaum bekanntes, aber garantiert sicheres
Investment-Geheimnis verraten. Die Sekretärin einer Grazer
Hochschule folgte dem Link, registrierte sich auf einer Plattform
namens PrimeOT und bekam wenige Tage später eine Mail von ihrem
vermeintlichen persönlichen Finanzberater. Schnell wurde der Kontakt vertraulich. Der Mann habe von seinen
Wochenenden mit Frau und Kindern erzählt, erinnert sich Leitner
heute. Bereits Anfang September 2020, kurz nach dem ersten Telefonat,
forderte er sie zur ersten Überweisung auf: 10.000 Euro. In den Monaten darauf gab der Berater vor, für Leitner das Geld
in Kryptowährungen zu investieren. Zunächst wuchsen die Gewinne und
mit ihnen die Einsätze. „Es ging schnell darum, ob ich nicht noch
mehr Geld auftreiben könnte“, sagt Leitner. In den wenigen Monaten
bis zum Jahreswechsel 2021 hatte sie fast 30.000 Euro überwiesen. Was Leitner damals nicht wusste: Dietrich Mateschitz warb nicht
wirklich für das Investment, und ihr angeblicher Finanzberater war
keiner. Er arbeitete nicht für eine seriöse Plattform, sondern
mutmaßlich für ein Callcenter auf dem Balkan und war so Teil einer
millionenschweren Betrugsmasche. Und sie war längst nicht das
einzige Opfer.
„Ich besorge dir drei Häuser in Spanien“
Ob PrimeOT oder anders, die Namen der einzelnen Portale wechseln,
auch wenn einige von ihnen aus dem gleichen Netzwerk stammen.
Gemeinsam ist ihnen die Masche, mit der sie Menschen hereinlegen:
Zunächst ködern die Betrüger neue Opfer mit Google- oder
Meta-Anzeigen. Nach der Registrierung beginnt sofort der Druck. Ende 2017 klickte Malcolm, ein teilpensionierter Manager aus der
Ölindustrie im Nordosten Englands, auf eine Google-Anzeige von
Greenfields Capital. Nach einer ersten Investition von 500 Pfund rief
ihn am nächsten Tag ein Broker an, und drängte ihn, 34.000 Pfund
einzuzahlen. „Er versprach mir, das Geld innerhalb einer Woche zu verdoppeln
und die Gewinne direkt in mein Bankkonto zu zahlen“, erinnert sich
Malcolm. „Natürlich kam nichts zurück.“ Alarmiert durch seinen
plötzlichen Verlust, schaute sich Malcolm die Firma genauer an. Bald
erkannte er, dass die Londoner Adresse auf der Website gefälscht
war. John, ein 64-jähriger Bauunternehmer aus Schottland, stieß 2018
auf eine Anzeige für FX Trade Market. Die Website prahlte mit
angeblicher Unterstützung der britischen Version der Fernsehshow
Höhle der Löwen, Dragon’s Den. Der Broker, der ihn anrief, war charmant und glaubwürdig,
erinnert sich John. Von dem Geld wollte er eigentlich ein Haus in
Spanien kaufen. Heute erzählt John: „Er sagte mir: Ich besorge dir
drei Häuser in Spanien.“ Zwischen 2018 und 2019 überwies er
25.000 Pfund und überzeugte sogar seine Tochter zu investieren.
Online wuchs sein Portfolio scheinbar auf 130.000 Pfund. Doch eines
Tages war alles verschwunden. „Als ich niemanden mehr erreichen
konnte, hat mich das Jahre meines Lebens gekostet.“
Razzia im Callcenter
In Belgrad, keine 500 Kilometer von Graz entfernt, wirkte das
Callcenter Olympus Prime eher wie ein florierendes Tech-Start-up.
Untergebracht in einem modernen Gebäude in einem aufstrebenden
Geschäftsviertel von Belgrad, teilte sich die Firma die Adresse mit
einem chinesischen Kulturzentrum und einem gehobenen Hotel. Doch als
die serbische Polizei an einem regnerischen Morgen im Januar 2023 die
Räume des Callcenters betrat, stieß sie auf die Schaltzentrale
eines internationalen Betrugsnetzwerks. „Die Büros sahen vollkommen normal aus, wie in jedem
gewöhnlichen Unternehmen, viele Schreibtische, Stühle und
Computer“, sagt der Leiter der Abteilung High-Tech-Kriminalität
der serbischen Staatsanwaltschaft, Boris Majlat. Ihn überraschte
auch, dass sich die rund 50 Mitarbeiter nicht rührten, obwohl
bewaffnete Beamten die Räume durchsuchten. Tatsächlich waren sie
auf solche Situationen vorbereitet worden: In einem bei der Razzia
beschlagnahmten Trainingsvideo erklärten Manager ihren Angestellten,
wie sie sich bei einer Polizeikontrolle verhalten sollten. „Sagen
Sie, sie bieten nur Schulungsmaterial an“, hieß es, „nicht
mehr.“ Die Razzia war Teil
eines sogenannten Aktionstages von Europol. Unter Leitung der
Staatsanwaltschaft Stuttgart und des Landeskriminalamts
Baden-Württemberg durchsuchten Beamte mehr als 20 Standorte in
Serbien, Bulgarien und Zypern. Neben Olympus Prime stürmten
Ermittler allein in Belgrad drei weitere Callcenter. Von dort aus
kontaktierten Callcenter-Agenten ihre Opfer mutmaßlich überall in
Europa. Mit falschen Namen, Identitäten und einstudierten
Verkaufsargumenten soll sich die Mitarbeiter als Broker ausgegeben
haben, um Vertrauen aufzubauen und den Opfern ihr Geld abzunehmen.
Fast 300 Personen wurden festgenommen. Investment-Betrüger bringen Jahr für Jahr alleine in Deutschland
Opfer um mehr als eine Milliarde Euro, schätzt ein führender
Ermittler im Gespräch mit Investigate Europe. In Österreich ist die
Masche mit den vermeintlichen Online-Investmentplattformen inzwischen
das größte Betrugsphänomen. Jedes Jahr verlieren Österreicherinnen
und Österreicher wie Anna Leitner so einen hohen Millionenbetrag. Alleine das Netzwerk, in deren Callcenter die Beamten Anfang 2023
stürmten, soll laut dem LKA Baden-Württemberg weltweit über 70.000
Menschen getäuscht haben, darunter 2.000 Menschen in Deutschland.
Die Täter sollen dabei schätzungsweise 250 Millionen Euro mit
Anlagebetrug wie dem vermeintlichen Krypto-Handel eingestrichen
haben, fast 50 Millionen davon in Europa. In Belgrad hat die Staatsanwaltschaft nun 21 Personen angeklagt
für ihre Beteiligung an dem Betrugsnetzwerk. Das Gericht muss die
Anklage noch annehmen. Die mutmaßlichen Drahtzieher blieben für die
Behörden bislang im Dunkeln.
Diese Recherche von Investigate Europe und des Balkan Investigative Reporting
Network (BIRN) zeigt, wie der Geschäftsmann Eliran Oved und seine Frau Liat Kourtz Oved aus
Tel Aviv über ein Geflecht von Briefkastenfirmen und Strohmännern
mutmaßlich im Zentrum des Netzwerks stehen.
Die Spur der Oveds
Auf Social Media wirken die Oveds wie eine erfolgreiche Familie:
Sie posten Fotos von exotischen Urlauben und Kostümpartys. Eliran
Oved besitzt zugleich den israelischen Fußballverein Bnei Yehuda.
Kürzlich zeichnete der israelische Präsident Oved sogar aus für
das soziale Engagement seines Klubs. Doch hinter dieser Fassade läuft offenbar ein lukratives Geschäft
jenseits der Stadien und Preisverleihungen. Oved ist wegen Geldwäsche
vorbestraft und betrieb eine illegale Glücksspiel-Website. Dafür
saß er ein
Jahr im Gefängnis. Diese Recherche zeigt, wie er und seine Frau
mit den mutmaßlichen Scam-Callcentern verbunden sind. Über sechs
Monate wertete das Recherche-Team Dutzende Handelsregister-Dokumente
aus und legte die geschäftlichen Verbindungen der Oveds zum
mutmaßlichen Millionenbetrug offen. Eliran Oved und Liat Kourtz Oved
selbst ließen eine umfangreiche Anfrage zu den Vorwürfen
unbeantwortet. Das im Januar 2023 gestürmte Callcenter, Olympus Prime, gehört
einem engen Vertrauten der Oveds. Auch die drei weiteren durchsuchten
Callcenter lassen sich mit dem Paar in Verbindung bringen. Von den
Büros aus sollen die Callcenter-Agenten Produkte von Marken
angeboten haben, deren Spur zu den Oveds und ihren Geschäftspartnern
führt.
Zu diesen Trading-Plattform-Marken gehören FXVC, Greenfields
Capital und PrimeOT, jene Plattform, auf der die Grazer Sekretärin
Anna Leitner knapp 30.000 Euro investierte. Inzwischen sind alle
Webseiten offline. Aus den Callcentern, die in Verbindung zum Oved-Netzwerk stehen,
sollen Mitarbeiter Menschen in Deutschland, der Schweiz,
Großbritannien und Irland betreut haben, aber auch Menschen in
Kanada und Australien. Investigate Europe und BIRN liegt eine
Opferliste vor, die bei der Durchsuchung bei Olympus Prime
sichergestellt worden ist. Darauf sind Verluste einzelner
mutmaßlicher Opfer vermerkt, von wenigen hundert bis hin zu mehr als
einer Million Euro.
Leeds United, Strohmänner und Sponsorenverträge
Einer der bekanntesten Betrugsmarken, FXVC, wurde 2020 sogar
offizieller Partner des britischen Fußballklubs Leeds United.
Dokumente, die Investigate Europe und BIRN vorliegen, legen nahe,
dass FXVC aus den Räumen von Olympus Prime betrieben wurde. Der
Premier-League-Deal verschaffte riesige Sichtbarkeit im britischen
Markt: Das Logo prangte im Stadion, Millionen Zuschauer sahen es
wöchentlich. Im April 2021 entzog die britische Finanzaufsicht FCA
FXVC schließlich die Lizenz wegen „irreführender Finanzwerbung“. Auf dem Papier gehörte FXVC einer zypriotischen Holding, die
vorgeblich von Strohmännern geleitet wurde. Tatsächlich findet sich
in den Bilanzen ein anderer Name als ultimativ wirtschaftlich
Berechtigte: Kourtz Oved. Dieses Muster zeigte sich immer wieder.
Offiziell gehören diverse Unternehmen Geschäftspartnern der Oveds.
Doch gesteuert wurden diese offenbar von dem Paar. Zu den wichtigsten Strohmännern gehörten der zypriotische
Ex-Fußballer Nikos A., die bulgarische Anwältin Vera A. und Miloš
R., ein Serbe mit bulgarischem Pass. Keine dieser Personen antwortete
auf Anfragen zu den Vorwürfen. R. ist derzeit in Serbien wegen des
Verdachts auf Geldwäsche angeklagt. Zusammen führten die drei als
Direktoren fünf Oved-Firmen und hielten Anteile an 14 weiteren
Unternehmen des Netzwerks.
Belgrader Vertriebsbüros
Im Gegensatz zu ihren Opfern sollen die Callcenter-Broker in
Belgrad satt verdient haben. Verglichen mit dem serbischen
Durchschnittsgehalt von rund 900 Euro im Monat gehörten die
Mitarbeiter mit ihren Grundgehältern und Boni zu den Topverdienern
des Landes. Manche kassierten monatliche Provisionen von 60.000 bis
80.000 Euro. Im Olympus-Prime-Callcenter sollen
fünf Teams rund um die Uhr gearbeitet haben, aufgeteilt nach Sprache
und Region. Das deutschsprachige Team „Panzer“ soll sich um Opfer
in Deutschland, Österreich und der Schweiz gekümmert haben, andere
Teams kümmerten sich um Skandinavien und den englischsprachigen
Raum. Interne Chats, die die Polizei sicherstellte, zeigen die
Verachtung gegenüber den Kunden: „Idioten“, hieß es in einem
Chat. Als ein Opfer 40.000 Euro investieren wollte, schrieb ein
Kollege: „Super, schnapp’s dir!“ Die Mitarbeiter sollen länderspezifische Decknamen wie „Jack
Weiss“ oder „James Eastwood“ genutzt haben. Ihre Kunden lockten
sie offenbar zunächst mit kleinen, scheinbar realen Gewinnen, dann
drängte sie diese zu immer höheren Einzahlungen. Die serbische Staatsanwaltschaft beschreibt Olympus Prime als ein
hierarchisches Unternehmen. An der Spitze sollen israelische Manager
gestanden haben, das Tagesgeschäft leiteten serbische
Führungskräfte, am Telefon arbeiteten lokale Agenten. Offizieller
Eigentümer: Nikos A., der Ex-Fußballer und Strohmann der Oveds. „Wir haben es nicht mit Amateuren zu tun. Das ist organisierte
Kriminalität. Wenn wir nicht reagieren, verlagern sie den Standort
einfach und machen weiter“, warnt der serbische Staatsanwalt Boris
Majlat, der in dem Fall ermittelt.
„Wenn wir nichts tun, ziehen sie einfach
weiter“
Trotz der Festnahmen Anfang 2023 sind viele Schlüsselfiguren noch
immer auf freiem Fuß. Majlat sagt: „Wir haben es mit
transnationalem, krypto-basiertem Betrug zu tun, aber die Gerichte
behandeln es wie einen normalen Fall.“ Er fordert spezialisierte
Einheiten. „Ohne diese können wir nicht gewinnen.“ Seit 2019 leitet der Bamberger Staatsanwalt Nino Goldbeck eine
Ermittlungsstelle für den Investment-Betrug. Über die Arbeit sagt
er, „Wenn wir ein Callcenter mit 200 Beschäftigten durchsuchen,
landet davon nur ein Bruchteil in Haft“. Gründe dafür seien
Ressourcenknappheit, Priorisierungsfragen sowie unterschiedliche
Rechtsrahmen. Die Bamberger Ermittler ließen seit 2019 europaweit 15
Durchsuchungen durchführen. Bisher wurden ungefähr 80 Personen
abschließend rechtskräftig verurteilt. In Serbien laufen die Ermittlungen weiter. Mit führenden
Verdächtigen im Ausland und vielen Jurisdiktionen sei es aber extrem
schwer, Recht durchzusetzen. Zu den Oveds selbst wollte die
Staatsanwaltschaft „keinen Kommentar“ abgeben. In Deutschland hat inzwischen die Generalstaatsanwaltschaft in
Karlsruhe das Verfahren an sich gezogen. Fünf Jahre nach den
mutmaßlichen Taten und mehr als zwei Jahre nach den Durchsuchungen
in Serbien, Bulgarien und Zypern hat diese noch immer keine Anklage
erhoben. Die zuständigen Staatsanwälte äußern sich zu dem
laufenden Verfahren nicht. Gegen die Oveds und deren mutmaßliche Strohmänner wurde bisher
keine Anklage erhoben wegen Straftaten im Zusammenhang mit dem
serbischen Callcenter-Betrug, der in diesem Artikel geschildert wird. Viele Opfer kämpfen noch immer mit den Folgen. Manche wollten gar
nicht reden, aus Angst, erneut ins Visier zu geraten. Andere sagten,
die Erinnerungen seien zu schmerzhaft. Auch Anna Leitner fällt es
nicht leicht, darüber zu sprechen, wie sie ihr Erspartes über die
vermeintliche Investment-Plattform PrimeOT verlor.
„Die haben mich rausgeschmissen“
Binnen vier Monaten hatte Leitner fast 30.000 Euro investiert. Im
Januar 2021 erkannte sie, dass sie in eine Betrugsmasche geraten war.
Da war es zu spät. „Ich wollte mein Geld ausgezahlt bekommen“,
erinnert sich Leitner heute. Doch ihr vermeintlicher Finanzberater
habe nur Ausreden präsentiert. In einer E-Mail bat sie ihn um ein
Gespräch. Doch der Mann, der bis dahin auch mal von seiner Familie
geplaudert hatte, meldete sich nicht mehr. Kurz darauf konnte Leitner
sich nicht mehr auf der Investment-Webseite einloggen. Heute sagt
sie: „Die haben mich rausgeschmissen.“ „Dann wurde mir klar, dass ich Scheiße gebaut habe“, sagt
Leitner. Mit einer Berliner Anwaltskanzlei versuchte sie im März
2021, ihr Geld zurückzuholen. Doch alle Bemühungen liefen ins
Leere. Im Herbst 2023 schrieb ihr Anwalt, dass „trotz unserer
Bemühungen, Beschwerde und Übersendung weiterer Ermittlungsansätze“
die Staatsanwaltschaft Graz „die Ermittlungen gegen die PrimeOT
eingestellt hat“. Auf Nachfrage bestätigt die Staatsanwaltschaft
Graz die Einstellung des Verfahrens. Trotz allem expandieren die Oveds unterdessen weiter. Unlängst
brachten sie über eine Offshore-Gesellschaft neue Marken auf den
Markt: Klips.com und 50K.trade.
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