Wie Europas LNG-Nachfrage den Fracking-Boom in den USA antreibt

Edward Donnelly

Nur wenige Menschen standen vergangenen Dienstag am Rande des Wilhelmshavener Hafens, als der LNG-Tanker Maria Energy die ersten Tonnen Flüssiggas aus den USA nach Deutschland lieferte. In den kommenden Wochen sollen ihr viele weitere Schiffe folgen. Lediglich Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies hatte sich aufgemacht an die Nordsee-Küste, um für ein Foto zu posieren, dass seine Mitarbeiter später auf Social Media teilten. Doch die Nachricht ließ nicht alle jubeln. Die Deutsche Umwelthilfe mahnte, es handle um „einen historischen Tiefschlag für Klima- und Naturschutz“.

Um zu verstehen, welche Folgen der europäische Flüssiggasboom hat, kann man die Route zurück in die USA folgen, auf der sich die Maria Energy durch den Atlantik schob. Sie endet an dem LNG-Terminal Calcasieu Passnahe dem Golf von Mexiko. Dahin transportieren riesige Pipelines das Gas der Fracking-Gebiete in Texas und Louisiana. Am Terminal wird das Gas auf -162 Grad gekühlt und verflüssigt, um es anschließend in die Tanker zu pumpen.



Viele europäische Staaten haben Fracking auf Grund von Umweltbedenken verboten. Doch in den USA findet Fracking inzwischen in ungekanntem Ausmaß statt. Auch weil Staaten wie Deutschland mehr und mehr Fracking-Gas ordern. Eine Analyse von Investigate Europe zeigt, dass europäische Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren mindestens 33 Verträge für US-amerikanisches LNG unterzeichnet haben. Davon zehn alleine im vergangenen Jahr. Die LNG-Importe nahm im vergangenen Jahr um 148 Prozent zu. Das Geschäft ist kein flüchtiges, die Verträge sind häufig auf 20 Jahre ausgelegt.

Im vergangenen Sommer genehmigten die Behörden das deutsche LNG-Terminal in Wilhelmshaven, an dem vergangene Woche die Maria Energy anlandete. Damals unterzeichnete EnbW einen Vertrag mit Venture Global, dem Betreiber des Terminals in Louisiana, über 1,5 Millionen Tonnen Flüssiggas. Im Oktober wurde das Volumen auf zwei Millionen Tonnen pro Jahr erhöht. Ein EnBW-Sprecher sagte Investigate Europe: „Flüssiggas spielt eine Schlüsselrolle bei der Diversifizierung unserer Brennstoffe für die Strom- und Wärmeerzeugung“. LNG eröffne „die Möglichkeit neuer Quellen zur Sicherung der deutschen Gasversorgung“. Der Vertrag hat eine Laufzeit von 20 Jahren. Er beginnt im Jahr 2026 und endet 2045.

Um das Flüssiggas in Europa zu verarbeiten, werden momentan insgesamt 34 LNG-Terminals und sieben Pipelines neu- oder ausgebaut. An elf davon ist Deutschland beteiligt. Im Dezember entschied die EU, dass 67,5 Milliarden Euro der 225 Milliarden schweren zinsgünstigen Kredite der Wiederaufbaufonds dafür genutzt werden können, diese Gas-Projekte zu finanzieren. Bis März können die Mitgliedstaaten ihre Anträge auf Unterstützungszahlungen nun in Brüssel einreichen. Wie das Bundeswirtschaftsministerium Investigate Europe mitteilte, rechnet mit Kosten für die neuen Anlandepunkte in Höhe von 9,7 Milliarden Euro.

Für die LNG-Projekte warben Politiker mit teils drastischen Worten. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warnte, dass Deutschland in diesem Winter ohne eigene Terminals eine „Gasmangellage“ drohe. Die Kapazitäten der Anlandepunkte in Deutschlands Nachbarländern würden nicht ausreichen, um für genügen Flüssiggas zu sorgen. Dabei bezog sich Habeck offenbar auf fehlerhafte Berechnungen seines Ministeriums, wie Table Media zuletzt berichtete. Demnach können die Terminals der Nachbarländer den Ausfall der russischen Erdgas-Lieferungen über Nord Stream 2 bei voller Auslastung fast vollständig decken.

Um die steigende Nachfrage zu erfüllen, entstehen entlang der US-Küste unterdessen immer mehr LNG-Terminals. Sieben existieren bereits, zwölf weitere sind in den kommenden Jahren geplant. Auch fressen sich die Fracking-Gebiete immer weiter in die Landschaft. Im Westen Texas lodern nachts die Fackeln soweit das Auge reicht. Aus mehr als 4.500 Fracking-Bohrungen wird dort ein Viertel des US-amerikanischen Erdgas‘ gefördert.

Durch die Straßen der größten Stadt der Region, Midland, steuern die Gasarbeiter ihre sich weiße Pickup-Trucks. Ein elektronisches Bankschild zeigt stets den aktuellen Gaspreis. Längst haben auch europäische Konzerne die Region entdeckt. 500 Kilometer östlich von Midland, in Arlington, befindet sich das Zentrum der Bohraktivitäten einer Tochtergesellschaft des französischen Total-Konzerns. Das Unternehmen hat in der Region mehr als 2.800 Bohrungen in den Boden gedrillt und fast 200.000 Begbaupachtverträge geschlossen. Auf Nachfrage teilt es mit, es sei „der Sicherheit verpflichtet“.

Doch die Anwohnerin Ranjana Bhandari sagt, Total sei das schlimmste aller Bohrunternehmen in der Region. Eine Gaskompressor-Station befindet sich hinter Geschäften und einer Arztpraxis, Fracking-Bohrungen finden hinter Schulen und Häusern statt. Eines der 31 Bohrlöcher in Arlington, die Total gehört, trägt den Spitznamen „Rocking Horse“ und liegt weniger als 100 Meter entfernt von einem Kindergarten mit dem gleichen Namen. Eine aktuelle Studie der Universität Yale ergab, dass Kinder, die in einem Umkreis von zwei Kilometern um Fracking-Standorte in Pennsylvania leben, ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für eine schwere Form von Kinderleukämie haben.

Auf Nachfrage zu Umwelt- und Sicherheitsbedenken sagte ein Total-Sprecher, dass das Unternehmen „eine starke Erfolgsbilanz bei sicheren und sauberen Operationen in Arlington“ vorweisen könne. Bhandari, Gründerin des Bündnisses Liveable Arlington, beruhigt das nicht: „In den Jahren 2018, 2020 und 2021 befanden sich beantragten Bohrstellen in der Nähe von Kindertagesstätten. Ich frage mich, ob sie darüber nachdenken, wie sich ihre Fracking-Aktivitäten auf unsere Gemeinschaft und Kinder auswirken.“ Der Stadtrat hat kürzlich die Förderung von sechs neuen Total-Bohrlöchern genehmigt, ohne eine öffentliche Anhörung.

Die EU-Staaten scheinen solche Sorgen wenig zu kümmern. In den vergangenen Monaten überholten sie Asien gar als Hauptimportmarkt für US-amerikanisches LNG. Im vergangenen Januar stammte aus den USA fast die Hälfte, des in Europa angelandeten Flüssiggases. Nachdem im vergangenen Winter auf Grund ausbleibender russischen Lieferungen noch weniger Erdgas auf dem Markt verfügbar war, stiegen die Käufe auf dem Spotmarkt deutlich an. Diese Lieferung sind sehr verglichen Pipelinegas und trugen wesentlich zur energiebedingten Inflation in der EU bei.

Nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine befürwortete eine Task Force für Energiesicherheit der EU und USA, „zusätzliche Flüssiggasmengen (LNG) für den EU-Markt in Höhe von mindestens 15 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2022 und weitere Steigerungen in der Zukunft“. Zwischen dem 1. März und dem 31. Oktober stiegen die EU-Einfuhren von US-amerikanischem Flüssiggas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 148 Prozent.

Den gestiegenen Tankerverkehr können auch jene beobachten, die nahe der Exportterminals leben. „Nachts ist mein Grundstück hier beleuchtet wie Las Vegas“, sagt John Allaire, der mehr als 300 Hektar Land besitzt in Lousiana unweit des Calcasieu-Terminals. Seit März vergangenen Jahres starteten hier Tanker mit europäischen Zielen in Italien, Spanien, Griechenland, Kroatien, Polen, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden und zuletzt in Deutschland verlassen.

Eine Version dieser IE Recherche ist auf deutsch zuerst im Tagesspiegel erschienen.
Autoren: Maria Maggiore, Edward Donnelly, Nico Schmidt
Grafiken: Marta Portocarrero