Unbezahlbare Mieten und unsichere Wohnverhältnisse: Wie Europäer leben

Maria Maggiore/Investigate Europe
Many Europeans struggle with high rents and mortgages.

Von einem älteren italienischen Ehepaar, das nach 50 Jahren aus ihrem Heim vertrieben wurde, über Vollzeitbeschäftigte, die aufgrund steigender Mieten aus Mailand wegziehen mussten, bis hin zu den Schwierigkeiten, in Oslo oder Brüssel eine Wohnung zu kaufen: Wir haben generationenübergreifende Geschichten von Erschöpfung und Frustration über die aktuelle Wohnsituation in Europa gehört.

Italien

Gianfranco und Nunzia Cerlienco, Mailand


Credit: Maria Maggiore/Investigate Europe

Gianfranco und Nunzia Cerlienco, 79 und 76 Jahre alt, arbeiteten jahrzehntelang in einer Mailänder Fernsehfabrik. Kennengelernt haben sie sich dort, 1972, am Fließband. Kurz darauf zogen sie an den Mailänder Stadtrand, wo sie nun seit 50 Jahren wohnen. Bisher gehörte ihr Haus in der Via Valle einem nationalen Pensionsfonds, ENPAM. Doch der verkaufte das Haus unlängst an den US-amerikanischen Fonds Apollo.

Kurz darauf teilte Apollo den Mieterinnen und Mietern mit, dass sie aus den Wohnungen ausziehen beziehungsweise müssen. Denn das Haus müsse renoviert werden.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei der Wohnungssituation in Ihrer Stadt?

„Wir haben Angst, dass sie uns wegschicken werden“, sagte Gianfranco Cerlienco im Gespräch mit Investigate Europe. „Im vergangenen Juni haben unsere Nachbarn – ohne dass sie über den Verkauf informiert wurden – Post bekommen, in denen ihre Verträge gekündigt wurden. Da die Mietverträge auslaufen, werden sie nicht verlängert. Von den 140 Wohnungen haben mehr als die Hälfte bereits das Schreiben erhalten.“

„Unser Vertrag läuft 2024 aus, ich werde dann 81 Jahre alt sein – wo soll ich in diesem Alter hin? Unsere Tochter ist hier aufgewachsen, wir haben uns mit unserem eigenen Geld um die Wohnung gekümmert, haben die Elektrik, die Wände und die Böden erneuert, und jetzt wollen sie uns alle rauswerfen.“

Was sollte getan werden, um die Probleme zu lösen?

„Wir beziehen eine subventionierte Miete. Wir zahlen etwa 550 € pro Monat für 70 m2, einschließlich Nebenkosten. Das ist heutzutage eine niedrige Miete, selbst für die Vororte von Mailand, aber wir haben 22 Millionen Lire (11.000 €) ausgegeben, um alles zu renovieren, obwohl wir nur zur Miete gewohnt haben. Als wir ankamen, war es in einem sehr schlechten Zustand. Wir sind bereit, mehr für die Miete zu bezahlen, aber nicht viel mehr, da wir Rentner sind und kein anderes Einkommen haben. Wir möchten einfach in dem Haus bleiben, in dem wir so lange gelebt haben“, sagte Gianfranco Cerlianco.

Gloria Caressa, Mailand


Credit: Maria Maggiore/Investigate Europe

Gloria ist Physiotherapeutin und Mutter eines Kindes. Aufgrund gesundheitlicher Probleme war sie gezwungen, mit dem Arbeiten aufzuhören und ist nun auf das Einkommen ihres Partners angewiesen. Das Paar verkaufte seine kleine Wohnung in einem Viertel im Nordosten von Mailand, in der Hoffnung, eine größere Wohnung für ihre wachsende Familie zu finden. Aber die hohen Immobilienpreise zwangen sie, aus der Stadt wegzuziehen.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei der Wohnungssituation in Ihrer Stadt?

„Ich habe mein ganzes Leben in der Via Padova im Nordosten von Mailand verbracht. Früher war es ein Vorort, aber jetzt ist es unmöglich geworden, hier zu bleiben. Wir besitzen eine kleine Wohnung, aber selbst mit dem Erlös aus dem Verkauf unserer Immobilie konnte ich hier keine größere Wohnung finden und auch keine Hypothek aufnehmen mit nur einem Einkommen“, so Gloria gegenüber Investigate Europe.

„Wir haben beschlossen, Mailand zu verlassen und in die Provinz Moinza zu ziehen. Es ist schade, denn meine Eltern leben hier und ich würde gerne in ihrer Nähe bleiben. Wir hatten keine Wahl. Alle meine freundschaftlichen und familiären Bindungen sind hier, vor allem in der Via Padova. Es ist eine Geschichte der Gemeinschaft, des Austauschs und der Solidarität. All das wird verloren gehen, wenn wir weggehen.

Was sollte getan werden, um diese Probleme zu lösen?

„Meiner Meinung nach sollte man sich an dem Modell der Wohngemeinschaften orientieren: Genossenschaften, in denen der Eigentümer lebenslang das Nutzungsrecht an einer Immobilie hat und wenn er sie erweitern möchte, kann er das Nutzungsrecht ändern, eine andere Wohnung kaufen, aber die ursprüngliche Immobilie behalten.“

„In Mailand gab es ein solches Projekt, bei dem neben den Wohnungen auch eine Reihe von Dienstleistungen zur Förderung der sozialen Integration, der kulturellen Aufwertung und der sozialen Bedürfnisse in dem Stadtgebiet, in dem sich der Komplex befindet, angeboten wurden. Aber es ist nicht leicht, solche Angebote zu finden, es gibt nur wenige.“

Norwegen

Anna Matilda Kirsebom Lanto, Oslo


Credit: Ingeborg Eliassen/Investigate Europe

Anna Matilda Kirsebom Lanto ist eine 27-jährige Krankenschwester in Vollzeit, auf der Suche nach einer Immobilie in Oslo zum Kaufen.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei der Wohnungssituation in Ihrer Stadt?

„Die Preise. Und dass der entscheidende Faktor, um ein Haus kaufen zu können, darin besteht, ob man Eltern hat, die einem bei der Finanzierung helfen können. Oder ob man zu einer Generation gehört, die [Häuser] gekauft hat, als die Preise so niedrig waren, dass jeder rein konnte. Das ist ungerecht“, erzählt sie Investigate Europe.


Credit: Ingeborg Eliassen/Investigate Europe

Was sollte getan werden, um die Probleme zu lösen?

„Der extreme Preisanstieg im letzten Jahrzehnt muss etwas mit der Politik zu tun haben, zum Beispiel mit den Steuervergünstigungen für Immobilienbesitzer. Könnten die Mieten nicht reguliert werden, damit sie für Mieter nicht so extrem werden wie heute? Ich finde es auch provokant, dass man so viel Eigenkapital braucht, um einen Bankkredit zu bekommen.“

Belgien

Emilie Debus, Brussels


Credit: Pascal Hansens/Investigate Europe

Die französische Grafikdesignerin Emilie Debus kam 2011 nach Brüssel. Nach einem holprigen Start konnte sie 2017 mit einem regulären Gehalt ihre erste Schätzung für den Kauf einer Wohnung durchführen. Damals konnte sie mit einer Anzahlung von 10.000 € einen Kredit von bis zu 180.000 € aufnehmen. Und die Bank übernahm 100 % des Wertes der Immobilie. Doch einige Jahre später änderten sich ihre Pläne: Aktuell ist sie an einem gemeinsamen Projekt beteiligt, das den Kauf eines Hauses mit einer Fläche von fast 200 m2 erfordert. Die meisten Häuser, die sie und ihr Freund finden, liegen zwischen 350.000 und 450.000 € – und damit weit jenseits ihrer Kreditaufnahmekapazität.

Neben der allgemeinen Inflation beschäftigt Emilie ein weiteres Problem: die Verschärfung der Kreditbedingungen. Die Banken decken nicht mehr 100 % des Wertes der Immobilie ab. Mit 10.000 € kann sie bestenfalls auf 130.000 € hoffen, was in Brüssel nicht ausreicht. Sie musste sich an ihre Familie und einen Freund wenden, um genug Geld für einen Kredit in Höhe von 170.000 € aufzunehmen. Ihr Freund ist zwar Hauseigentümer, hat aber aufgrund seines Status als Selbständiger nur eine sehr begrenzte Kreditaufnahmekapazität. Die Suche läuft schleppend und die Hoffnung wird weniger.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei der Wohnungssituation in Ihrer Stadt?

„Für mich gibt es zwei Phänomene, die den Zugang zu Wohnraum besonders erschweren. Zum einen ist da die Inflation bei Immobilien, die in Brüssel seit mehreren Jahren sehr hoch ist. Zum anderen sind es die Banken, die bei der Kreditvergabe zunehmend zurückhaltend sind“, so Emilie gegenüber Investigate Europe.


Credit: Pascal Hansens/Investigate Europe

Was sollte getan werden, um die Probleme zu lösen?

„Eine Lösung wäre die Aufnahme eines Kredits in Höhe von 100 Prozent des Immobilienpreises. Wir müssten dann nur die Notar- und Eintragungsgebühren im Voraus bezahlen. Wir müssen mit diesen astronomischen Forderungen nach Kapitaleinlagen aufhören. Wie soll man das machen, wenn man kein Erbe hat oder keine Familie, die einem hilft? Wie soll man 50.000 Euro auf die Seite legen? Das ist unmöglich!“

Griechenland

Angelo Skiadas, Präsident des griechischen Mieterschutzverbandes, Athen


Credit: Eurydice Bersi/Investigate Europe

Aus Athen spricht Angelo Skiadas, Präsident des griechischen Mieterschutzverbandes, mit Investigate Europe. Er berichtet, wie Mieterinnen und Mieter in Griechenland mit steigenden Preisen kämpfen und von Zwangsräumungen bedroht sind.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei der Wohnungssituation in Ihrer Stadt?

„Die Situation ist explosiv. Die Mieten steigen durchgängig. Sie steigen unkontrollierbar. In den letzten drei bis vier Jahren sind sie um 50 % bis 60 % gestiegen, in einigen Gebieten sogar um 100 %.

Bis vor zwei Jahrzehnten waren die Mieten auf einen Preis gedeckelt, der sich am objektiven Wert der Immobilie orientierte. Das war vorteilhaft, weil es die Mieten nicht in die Höhe trieb und weil die Eigentümerinnen so keinen Grund hatten, die Mieterinnen zu vertreiben.

Jetzt haben wir eine Epidemie von Zwangsräumungen. Alle Eigentümer versuchen, die Mieter zu vertreiben oder sie mit Zwangsräumungen zu erpressen. Besonders im letzten Jahr nach der Pandemie – das ist die neue Pandemie“.

Was sollte getan werden, um diese Probleme zu lösen?

„Wir fordern die Rückkehr zur Mietobergrenze und die Anhebung der Mindestlaufzeit von Mietverträgen von drei auf sechs Jahre.“