Unbefristete Verträge? Fehlanzeige bei der Orpea-Gruppe in Frankreich

 Eine Fassung dieses Artikels wurde auf Französisch von Mediapart veröffentlicht.

Durch das Fenster sind Dutzende Grabsteine zu sehen, „zu verkaufen“ steht darauf. Josefa* möchte sich hier mit uns treffen, in diesem unscheinbaren Gewerkschaftsbüro gegenüber einer Marmorfabrik in einem Industriegebiet im Zentrum von Frankreich. Bis vor einem Jahr war Josefa Angestellte auf Management-Ebene in einem Altersheim, das von Orpea betrieben wird, dem größten Pflegekonzernbetreiber der Welt.

Mehrere Jahre lang war Josefa dafür zuständig, die Arbeitsverträge der Mitarbeitenden zu planen und zu bearbeiten, in einem Altersheim, das nur wenige Kilometer von unserem Treffpunkt entfernt liegt. Josefa gibt an, dass sie “als hörige kleine Soldatin” über mehrere Jahre hinweg irreguläre befristete Verträge aufgesetzt habe (auf Französisch ‚CDD‘ genannt).

In Frankreich wird die Nutzung befristeter Verträge durch das Arbeitsrecht streng reguliert: sie müssen temporär sein und dürfen nicht an Stelle einer dauerhaften Festanstellung vereinbart werden. Diese Regeln sollen Angestellte vor der Unsicherheit einer befristeten Anstellung beschützen und sicherstellen, dass sie nicht einfach nach Ablauf jedes befristeten Arbeitsvertrages entlassen werden können. Um das zu verhindern, muss jeder befristete Vertrag den Namen der Person enthalten, die vorübergehend ersetzt wird, oder den Grund, warum eine temporäre Einstellung gerechtfertigt ist. Zum Beispiel: “Frau X, eine Pflegeassistentin, ersetzt Frau Y, eine Pflegeassistentin mit einem unbefristeten Vertrag, weil diese unbezahlten Urlaub nimmt.“

Doch trotz des strengen französischen Arbeitsrechts scheinen dauerhafte Anstellungen bei Orpea nicht üblich zu sein. Aus wirtschaftlichen Abwägungen ist es profitabler, die Anzahl der Angestellten an die Auslastung im Heim anzupassen. Letztere variiert. Einige Angestellte bevorzugen vielleicht sogar einen befristeten Vertrag. Josefa erklärt, dass “[manche] Mitarbeiter befristet angestellt bleiben wollen, weil die Gehälter bei unbefristeten Verträgen zu niedrig sind.“

Doch was passiert, wenn in einem Heim vorübergehend mehr Arbeitskräfte gebraucht werden und es keine unbefristeten Angestellten gibt, die im Urlaub sind und ersetzt werden müssen? Und wenn es diese Personen nicht gibt, woher bekommt Orpea die Namen der Person, die durch einen befristeten Vertrag vorübergehend ersetzt werden sollen?

Josefa behauptet, dass sie in Orpeas Personalsoftware erfundene Namen eingetragen habe, wenn sie Verträge erstellte. „Ich nahm die Namen von Menschen, die sich bei uns um eine Stelle beworben hatten und deren Lebenslauf ich hatte“, sagt die frühere Managerin. „Sie existierten, waren aber nicht wirklich im Personalregister.” Diese Pfleger, Krankenpfleger und Hilfskräfte, die noch nie für Orpea gearbeitet hatten, wussten nichts darüber, dass ihre Namen gespeichert und auf diese Art genutzt wurden.

Josefa ist nicht die einzige Managerin, die solche Verträge für die Orpea Group aufgesetzt hat. Orpea betreibt in Frankreich derzeit 226 Heime und etwa 100 Kliniken (durch die Tochtergesellschaft Clinéa). Investigate Europe hat mehrere Wochen recherchiert und herausgefunden, dass die Orpea-Gruppe in Frankreich in den vergangenen Jahren zahlreiche befristete Verträge gefälscht hat. Indem Orpea mehrfach gegen Arbeitsrecht verstoßen hat, konnte die Firma zudem von staatlicher Förderung profitieren.

Jedes Jahr erhalten Pflegeheime aus dem staatlichen Krankenversicherungssystem ein sogenanntes Pflegebudget. Von den französischen Regionen, den Départements, erhalten sie weitere Gelder. Mit dem Pflegebudget finanziert der französische Staat den Großteil der Pflegeberufe in den Altersheimen, darunter Krankenpfleger, Pflegeassistenten, medizinisch-psychologische Assistenten. Der Zuschuss der Départements finanziert Stellen, die notwendig werden, wenn Menschen nicht mehr selbständig leben können, zum Beispiel Lebenshilfe oder Psychologen.

Auf diesem Weg hat Orpea mindestens 350 Millionen Euro vom französischen Krankenversicherungssystem bekommen. Das geht aus offiziellen Angaben des französischen Staates hervor, die Investigate Europe vorliegen. Mit dem Geld sollte Orpea die Gehälter von Menschen bezuschussen, die sich um alte Menschen in Frankreich kümmern. Oft fehlen Mitarbeiter im Pflegesektor, was dazu führen kann, dass die Heimbewohner nur unzureichend versorgt werden. Parlamentarier, Experten und Gewerkschafter prangern das seit Jahren an. Investigate Europe dokumentierte im vergangenen Jahr Fälle europaweit im Rahmen der „Graues Gold“-Recherche gezeigt. Besonders dramatisch stellte sich dabei die Lage in privaten, profitorientierten Pflegeheimen heraus, in denen die Covid-19-Pandemie eine massive Unterbesetzung offenbarte.

„Wir haben einfach unterschrieben“ 

Orpea wurde vom Neuropsychiater Jean-Claude Marian in den 80er Jahren gegründet und wuchs seitdem zum Weltmarktführer der Pflegewirtschaft. Mehr als 1.000 Einrichtungen gehören weltweit dazu. An der Börse hat sich sein Wert in den letzten fünf Jahren verdreifacht auf 9,3 Milliarden Euro im Jahr 2020. Das Unternehmen hatte im Jahr 2021 mehr als 65.000 Mitarbeiter – vor allem Frauen (mehr als 80 Prozent), die Hälfte davon in Frankreich. Laetitia* war eine von ihnen, ebenso Linda*, Fatiha*, Amina*, Anne-Claire* und Dominique*.

Drei Monate nach unserem Gespräch mit Josefa, treffen wir Laetitia vor dem Eingang des Arbeitsgerichts in einer großen Stadt in Südfrankreich. Die ehemalige Angestellte raucht nervös, während sie die Hand ihrer jugendlichen Tochter hält. Sie sieht angespannt aus, während sie auf den Anwalt wartet, der ihre Entlassung soeben vor Gericht angefochten hat.

Der Gerichtstermin war wohl vielversprechend. Laetitias Akte enthält einen ihrer befristeten Verträge aus dem Jahr 2017, der uns vorliegt. Darin steht, dass sie als Vertretung für eine gewisse Patricia P. eingestellt wurde – eine Pflegeassistentin, die unbefristet beschäftigt werden soll. Das Gehalt soll knapp 1.500 Euro im Monat betragen. In den fünf Jahren, die Laetitia für Orpea gearbeitet hat, ist sie dieser Phantom-Mitarbeiterin kein einziges Mal begegnet. „Wir haben keine Fragen gestellt, wir haben einfach unterschrieben“, sagt sie. „Wir waren froh einen Vertrag zu haben und ein Einkommen am Ende des Monats. Vor allem ich als alleinerziehende Mutter“, antwortet sie und tritt ihre Zigarette aus.

Doch entgegen dem, was im Vertrag steht, hat Patricia P. nie bei Orpea gearbeitet. In mehreren Interviews haben Angestellte bestätigt, dass Patricia P. der Name der Mutter der Leiterin des Altersheims ist. Auf Nachfrage von Investigate Europe und Mediapart wollte die Leiterin zu diesem Punkt keine Auskunft geben.

„[Patricia] hat ihre Tochter hin und wieder abgeholt, um Abendessen zu gehen. So habe ich den Zusammenhang erkannt, denn den gleichen Nachnamen hatten sie nicht“, sagt Dominique*, ein ehemaliger Angestellter bei Orpea. Wie Josefa war auch er dafür zuständig, die Arbeitsverträge der Firma zu bearbeiten. Laut Dominique handelte die Leiterin im Auftrag des Managements. Dass die Leiterin den Namen ihrer Mutter verwendete, lag Dominique zufolge daran, dass sie „schnell einen Nachweis hätte erbringen können, falls die Arbeitsaufsichtsbehörde Fragen gestellt hätte.“

In einem Interview mit Investigate Europe und Mediapart, beschrieb die Leiterin der Einrichtung, Auriane B., „ihre tägliche Sorge darum, vollständige Teams zu haben“. Sie sagte, sie akzeptiere befristete Verträge, weil „sie keine andere Wahl habe“. Ohne auf den Nachnamen ihrer Mutter einzugehen, versicherte sie, „nie einen falschen Vertrag“ abgeschlossen zu haben. Dem widersprechen jedoch einige ihrer ehemaligen Angestellten.

Dominique erinnert sich daran, den Namen der Mutter etwa 50 Mal benutzt zu haben, „um Aushilfen mit befristeten Verträgen einzustellen“. Für ausgebildetes Pflegepersonal wurde der Name France R. verwendet, eine ehemalige Mitarbeiterin, sagt Dominique. „Ich habe ihren Namen bestimmt zwei- bis dreihundertmal verwendet.”

Laut Dominique war das Verfahren einfach. Jeden Monat gab er die Namen erfundener Mitarbeiter in die Personal-Software (SIRH Ap) des Unternehmens ein. Dann wartete er darauf, dass Orpeas Manager die Namen bestätigten, bevor der neue Mitarbeiter einen Vertrag unterschrieb.

Dominique ist daher davon überzeugt, dass die Personalabteilung wusste, dass France R. und Patricia P., die keine Orpea-Mitarbeiterinnen waren, sehr häufig von temporären Angestellten vertreten wurden.

Dominique gab auch zu einen befristeten Vertrag für sich selbst aufgesetzt zu haben, als er noch keinen unbefristeten hatte (IE und Mediapart liegt dieser Vertrag vor). „Ich benutzte den Namen eines Mitarbeiters aus einer anderen Abteilung und schrieb, dass er abwesend war [beurlaubt].“ Laut seinem LinkedIn-Profil arbeitete besagter Mitarbeiter tatsächlich bei Orpea, aber in einer anderen Abteilung.

Selbst nachdem Dominique das Unternehmen verlassen hatte, nutzte Orpea den Namen France R. weiterhin in Verträgen. Im Frühjahr 2020 wurde diese France R. sogar von vier Mitarbeiterinnen gleichzeitig vertreten, wie Dokumente zeigen. Linda*, Fatiha*, Amina* und Anne-Claire* bemerkten diesen Widerspruch und verlangten, dass ihre befristeten Verträge in unbefristete umgewandelt werden. Dann klagten sie.

Ein Jahr später haben all diese Pflegeassistentinnen vor dem Arbeitsgericht in Marseille Recht bekommen. Das Unternehmen argumentierte, dass „die Nutzung befristeter Verträge gerechtfertigt war“, dass „[die betroffenen] befristeten Verträge keinerlei Irregularitäten aufweisen.“ Doch das Gericht urteilte, dass Orpea „keine relevanten Beweismittel vorgebracht hat“, um zu beweisen, dass diese befristeten Verträge legal waren.

In der Entscheidung zu Lindas Gunsten schrieben die Richter: „Orpea stellte drei weitere Vollzeitkräfte an, um während der gleichen Zeit aus den gleichen Gründen die gleiche Stelle zu besetzen [und dieselbe Angestellte]“.

Die befristeten Verträge von Linda, Fatiha, Amina und Anne-Claire wurden in unbefristete überführt und sie erhielten Schadensersatz. Orpea hat keine Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt.

Auf Nachfrage von IE und Mediapart, versicherte das Management von Orpea, dass „es nie falsche Verträge gegeben hat“, und auch keine „erfundenen Anstellungen innerhalb des Unternehmens. Alle befristeten und unbefristeten Mitarbeiter sind angemeldet und bezahlt worden.”

In ihrer Stellungnahme betonte die Orpea-Gruppe „die Schwierigkeit permanenter Einstellungen in diesem Sektor …, weil immer mehr Kandidaten sich bevorzugt für befristete Positionen entscheiden“. Daher „muss Orpea befristete Verträge ausstellen, um entweder abwesende Mitarbeiter (wegen Beurlaubung, Krankheit, Weiterbildung etc.) zu ersetzen oder wenn wir eine Stelle frei haben und auf die Ankunft eines permanenten Angestellten warten, der noch nicht da ist“. Das Unternehmen „merkt an, dass befristete Verträge die Gruppe zehn Prozent mehr kosten als die erwartete und erhoffte unbefristete Einstellung“. Das würde natürlich nur dann zutreffen, wenn die betroffenen Mitarbeiter durchgehend arbeiten. Wenn befristete Verträge es den Firmen hingegen erlauben, diese zu entlassen, wenn gerade kein Bedarf besteht, sparen sie eine Menge Geld.

Linda, eine der Angestellten, die den Rechtsstreit gewonnen hat, berichtet, dass sie einer der erfundenen Mitarbeiterinnen tatsächlich begegnet ist. „Die Welt ist klein“, sagt sie Investigate Europe am Telefon. „Ich begegnete der echten France R. diesen Sommer in einer anderen Einrichtung, wo ich als Vertretung arbeitete. Sie erzählte mir, dass sie in der Vergangenheit ein paar Schichten bei Orpea übernommen hatte. Nur befristete Arbeit, kein langfristiger Vertrag in Aussicht. Aber sie beklagte, dass ihr Name ‚ausgeliehen’ worden war.“

Kéline Sivadier ist Gewerkschaftsdelegierte bei Orpea in Provence-Alpes-Côte-d’Azur, der Region, wo Orpea die meisten Pflegeheime betreibt. Den Fall France R. kenne sie gut, sagt sie, ebenso wie das Problem der irregulären Verträge im Allgemeinen. „Es gibt Probleme mit den Laufzeiten bestimmter befristeter Verträge. Entweder ist der Name oder der Grund für den Vertrag falsch. Das bedeutet, dass diese Verträge in unbefristete umgeschrieben werden müssen“, sagt sie. „Wir haben zum Beispiel schon Fälle gesehen, wo sich zwei befristete Verträge auf dieselbe Abwesenheit beziehen.“ Die Gewerkschafterin habe dies der Arbeitsaufsichtsbehörde und dem Orpea-Management gemeldet, sagt sie.

Wie mehrere E-Mails beweisen, die Investigate Europe und Mediapart vorliegen, haben außer Sivadier noch weitere Gewerkschaftsdelegierte der Gruppe Fälle an die Arbeitsaufsichtsbehörde gemeldet. Auf unsere Nachfrage antwortete die Behörde, dass sie „laufende Fälle nicht kommentiert.“

Lea Talrich ist Anwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Karaa, die Dutzende Male gegen Orpea vorgegangen ist, um Verträge zu entfristen. Sie merkt an, dass es eine Straftat ist, befristete Verträge aufzusetzen, „deren Zweck oder Effekt darin liegt, eine Stelle zu besetzen, die zur normalen, permanenten und langfristigen Tätigkeit der Firma gehört.“ Laut Arbeitsrecht kann dafür ein Bußgeld von 3.750 Euro fällig werden, im Wiederholungsfall sogar 7.500 Euro und sechs Monate Haft, so Talrich.

Philippe Gallais, einer der landesweiten Vorsitzenden der CGT Gewerkschaft bei Orpea, macht keinen Hehl aus seinen Absichten: „Wir besprechen uns mit unseren Anwälten. Wenn wir die Chance haben vor Gericht zu gehen, gehen wir.“ Die Geschichte der „falschen Verträge“ (wie viele Mitarbeiter sie nennen) entrüstet den Krankenpfleger, der seit 20 Jahren in diesem Bereich arbeitet. „Wenn man die Arbeitsbedingungen in unseren Einrichtungen und die massive Unterbesetzung kennt, ist es eine Schande“, sagt er.

In einer vertraulichen E-Mail, die IE und Mediapart vorliegt, schrieb eine Mitarbeiterin der Arbeitsaufsichtsbehörde, dass die Vervielfältigung von Verträgen zur Vertretung einer Person im gleichen Zeitraum ihrer Meinung nach als „Betrug“ gelten könnte.

Im Zuge der Recherche gelangte IE auch an Aussagen, die zeigten, dass dieselben Vorgänge in weiteren Regionen Frankreichs stattfinden könnten. Auch bei der Tochtergesellschaft Clinéa, die etwa 100 Kliniken im Land betreibt, gibt es fragwürdige befristete Verträge.

„Zwei Vertreter der Belegschaft in der Region Cleront-Ferrand machten uns auf das Problem aufmerksam“, sagt Jean-Claude, ein Gewerkschafter, der anonym bleiben möchte. Er benennt konkret zwei betroffene Kliniken. „Wir gingen dorthin und stellten fest, dass die Verträge sich auf Namen bezogen, die nicht im Mitarbeiterverzeichnis auftauchten.“

Er habe eine große Menge potentiell falscher Verträge mit erfundenen Namen gesammelt, sagt der Gewerkschafter.

In einer Clinéa Einrichtung in Villeurbanne in der Region Rhône-Alpes gelangten IE und Mediapart an mehrere befristete Verträge, in denen ein Pflegeassistent einen Krankenpfleger vertrat – obwohl die beiden Berufe unterschiedlich bezahlt werden. Der Unterschied ist riesig, sagt Gallais: “Die Hilfskraft bekommt Mindestlohn, während ein Krankenpfleger Hunderte Euro mehr verdient.“ Dieser Gehaltsunterschied ist seiner Ansicht nach umso wichtiger, als diese Positionen von staatlichen Geldern finanziert werden.

Noémie* kennt das Problem gut. Die ehemalige stellvertretende Direktorin einer Orpea-Klinik in Toulouse hat keine Hemmungen, das Management der Firma anzuprangern. Fünf Jahre lang habe sie als gut geöltes Rädchen funktioniert in etwas, das sie als System beschreibt. „Die regionalen und nationalen Manager wollten keine unbefristeten Stellen besetzen. Das waren die Befehle und wir hatten keine andere Wahl als zu kooperieren,“ sagt sie am Telefon. „Wir arbeiteten mit zwei oder drei Namen – von Leuten, die in Rente gegangen waren, gekündigt hatten oder nicht verlängert wurden, oder von befristeten Angestellten, die woanders eine feste Stelle gefunden hatten.“

150 bis 200 Verträge habe sie im Monat geschrieben, sagt Noémie. Die Hälfte davon seien irregulär gewesen. Insgesamt gibt sie an, dass mehrere Tausend irreguläre, befristete Verträge von Orpea ausgegeben worden seien. „Die Geschäftsführung wies uns an ‚fiktionale Zyklen‘ in der Software anzulegen und die temporären Angestellten darin zu integrieren. Sie konnten uns sogar Verträge verweigern, wenn wir die Namen der Leute, die gegangen waren, nicht nutzten.“

„Die einzige landesweite Anordnung an unsere Einrichtungen ist, dass sie versuchen sollen, jegliche Abwesenheit unter Einhaltung juristischer Voraussetzungen zu füllen, damit die Pflege dauerhaft gewährleistet ist“, teilte die Orpea-Gruppe Mediapart und IE mit.

Orpea hat nicht auf die Frage geantwortet, was genau die Einrichtungen in Bezug auf die angeblich irreführenden Verträge bei der ARS meldeten.

Noémie sagt, dass sie in der Klinik in Toulouse auch Anweisungen bekommen habe, weniger Stunden Arbeit für die Vertretung einzuplanen. „Wo die eigentliche Angestellte zwölf Stunden arbeiten würde, gab man der Vertretung nur zehn Stunden. Man strich zum Beispiel die Stunde der Übergabe, also die Stunde, wo ein Team dem nächsten den Staffelstab übergibt.“

„Fehler sind menschlich”

Die gleichen Geschichten scheinen sich überall in Frankreich zu wiederholen. Dass die Arbeitsaufsichtsbehörde, das Arbeitsgericht und die regionalen Gesundheitsämter informiert wurden, scheint die Personalabteilung des Unternehmens nicht zu interessieren.

Bei dem Treffen einer Mitarbeitervertretung im vergangenen Frühling konfrontierte ein Gewerkschafter bei Orpea die Geschäftsführung mehrmals mit der Existenz einiger dieser „irregulären“ Verträge in verschiedenen Einrichtungen. Dokumente, die IE vorliegen, zeigen, dass diese Auseinandersetzung keine Panik unter den Anwesenden auslöste; ganz im Gegenteil.

„Nur weil die Geschäftsführung einen Vertrag gegenzeichnet, bedeutet das nicht, dass dabei kein Fehler passieren kann. Fehler sind menschlich”, erhielt der Gewerkschafter als Antwort.

Ein anderer Gewerkschafter, der an diesem Tag anwesend war und für seine weniger konfrontative Beziehung mit der Geschäftsführung bekannt ist, ergänzte noch, dass irreguläre, befristete Verträge bei Orpea keine Fehler seien, „sondern kleine Arrangements.“


 * Alle Namen in diesem Artikel sind geändert worden, weil die Mitarbeiter anonym bleiben wollten. Investigate Europe kennt ihre Identität und ihre Anstellungsverhältnisse bei Orpea und hat diese verifiziert.

Redigiert von Sindhuri Nandhakumar und Elisa Simantke für Investigate Europe

Was nach der Geschichte geschah:

Neben den Recherchen von Mediapart und Investigate Europe erschien unlängst auch das Buch „Les Fossoyeurs“ („Die Totengräber“) des französischen Journalisten Victor Castanet. In Folge nannte der französische Regierungssprecher Gabriel Attal die Berichte „absolut empörend“. Die zuständige Ministerin Brigitte Bourguignon zitierte den Generaldirektor von Orpea in Frankreich zu sich und kündigte eingehende Untersuchungen an, womöglich sogar in allen rund 350 französischen Einrichtungen des Konzerns.