Immobilien, Weingüter und Technologie: So landen die Offshore-Ölgewinne von Perenco wieder in Europa

Auf den ersten Blick haben die Immobilie am Londoner Stratford Place 15 und das künftige Einkaufszentrum im spanischen Cáceres nichts gemein. Bei ersterem handelt es sich um ein elegantes neoklassizistisches Gebäude im wohlhabenden Stadtteil Marylebone. Es beherbergt eine katarische Bank und war früher das Atelier des viktorianischen Malers Edward Lear. Das zweite ist derzeit noch eine riesige Baustelle in der Nähe einer Autobahn. Doch bald sollen dort im Außenbezirk von Cáceres Geschäfte und Kinos entstehen.

Beide Grundstücke könnten kaum unterschiedlicher sein. Doch das Geld für den Kauf der Immobilien stammt aus den Offshore-Tresoren derselben Familie, den Perrodos. Die Familie ist Eigentümer des nach eigenen Angaben „führenden“ unabhängigen Energieunternehmens Europas: Perenco.

Obwohl Perenco seinen Hauptsitz in Paris und London hat, wo die Perrodos auch leben, sind die wichtigsten Beteiligungen auf den Bahamas registriert. Dort fördert der Konzern zwar keine fossilen Brennstoffe, aber Dividenden werden dort nicht besteuert. Das ermöglicht ein profitables System, das die Einnahmen aus den Öl-Geschäften schützt, bevor sie zurückfließen in verschiedene Investitionen in Europa.

Für den Erwerb von 15 Stratford Place im Jahr 2015 gaben die Perrodos fast 40 Millionen Pfund aus und nutzten dafür zwei Briefkastenfirmen: Clipille Ltd auf den Bahamas und Slipview Ltd auf Guernsey. Um Grundstücke für den neuen Einkaufskomplex in Cáceres zu kaufen, gründeten sie eine mehrere Unternehmen in Luxemburg und weiteren Steueroasen.


Die Perrodos-Familie kaufte die Londoner Immobilie 15 Stratford Place mittels Firmen in den Bahamas und auf Guernsey

Das ist nur die Spitze des Eisbergs des Immobilienimperiums von Perrodos. Aufgebaut auf Öl-Gewinne, die in Steueroasen geschleust wurden. In jüngster Zeit häufen sich die Vorwürfe, dass Perenco mit der Ölförderung des Konzerns in Afrika und Südamerika die Umwelt massiv schädigt. Die jüngsten Enthüllungen von IE über die Umweltzerstörung im Zusammenhang mit den Geschäften des Konzerns in der Demokratischen Republik Kongo führte zu einer Klage in Frankreich. Unterdessen haben die Perrodos ein ebenso beeindruckendes wie geheimes Investitionsportfolio angehäuft.

Allein in London haben sie über 462 Millionen Pfund aus Steueroasen in den Immobilienmarkt investiert. In Luxemburg verfügt die Familie über ein Vermögen von mehr als zwei Milliarden Euro: Das reicht von Immobilien in Spanien und Portugal über berühmte französische Weingüter bis hin zu Anteilen an Lebensmittel- und Technologieunternehmen in Schweden, Irland und Frankreich.

In einer an IE gesendeten Erklärung teilte ein Perenco-Sprecher mit: „Jede getätigte Investition steht in vollem Einklang mit allen Steuer- und Offenlegungsvorschriften und allen geltenden Gesetzen in den Ländern, in denen sie getätigt wird, und kein von der Familiengesellschaft verwaltetes Unternehmen ist Gegenstand einer Steuerprüfung.“

Und weiter: „Alle Unternehmen sind steuerlich korrekt registriert.“ Investitionen außerhalb der Öl- und Gasindustrie würden das Wachstum von Unternehmen unterstützen und für „mehr Beschäftigung und Vorteile für die Wirtschaft“ sorgen.

Immobilien in Londons nobelsten Gegenden

In der britischen Hauptstadt haben die Perrodos ganze Wohnblocks, Büros und Luxuswohnungen gekauft – in einigen der teuersten Viertel der Stadt.

Die Analyse von Grundbuchdaten und Unternehmensregistern zeigt: Die Immobilien wurden entweder direkt von Briefkastenfirmen auf den Bahamas und Guernsey oder von ihren britischen Tochtergesellschaften mit Offshore-Geldern aus zinslosen Darlehen erworben.

Der Betrag von 462 Millionen Pfund ist eine Schätzung auf der Grundlage von Kaufpreisen aus dem Grundbuch oder Investitionen gemäß veröffentlichter Firmenberichte. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich deutlich höher. Bei der Berechnung berücksichtigte IE keine Investitionen, für die Daten fehlten, sowie jene, welche die Perrodos in ihrem eigenen Namen tätigten. Hinzu kommt, dass der Wert vieler Immobilien seit dem ersten Kauf in die Höhe geschnellt ist. Das bedeutet, das Portfolio der Familie inzwischen deutlich wertvoller ist.

Der erste Immobilienkauf fand im Jahr 2000 statt. Die meisten Käufe erfolgten dann ab dem Jahr 2013. Einige der teuersten Investitionen, die IE ermitteln konnte, waren 85 Millionen Pfund im Jahr 2013 für den Hauptsitz von Perenco in Mayfair, 21,5 Millionen Pfund im Jahr 2016 für Essex House, ein Herrenhaus in der Nähe des Holland Parks, sowie 15,7 Millionen Pfund im Jahr 2018 für Nash House, ein Bürogebäude in Mayfair.


Nash House, in LondonMaxence Peigné
Das Nash House, ein Bürogebäude im Londoner Stadtteil Mayfair

Viele der Perrodo-Unternehmen mit Immobilien in London geben ihre wirtschaftlichen Eigentümer nicht bekannt. Um diese ausfindig zu machen, recherchierte Investigate Europe deren Anteilseigner. Darunter fanden sich Offshore-Unternehmen sowie Trusts der Familie sowie Adressen und Manager, die zum Perenco-Konzern gehören.

Dabei legen Vorschriften in Großbritannien fest, dass britische Unternehmen seit 2016 Eigentumserklärungen abgeben müssen. Für ausländische Unternehmen mit Immobilien in England gilt dies bis Ende Januar 2023. Zum Zeitpunkt dieser Recherche wies das britische Unternehmensregister nur Berichte auf für zwei der Offshore-Firmen aus, die der Perrodos-Familie gehören und über Immobilien in London verfügen.

„Alle Unternehmen, die Immobilien in Großbritannien besitzen, unabhängig davon, wo sie eingetragen sind, sind in Großbritannien registriert und steuerpflichtig, und zwar in voller Übereinstimmung mit den Vorschriften der HMRC [die Finanzbehörde]“, teilte der Perenco-Sprecher mit.

Der persönliche Reichtum der Perrodos in Großbritannien geht weit über den Immobilienbesitz hinaus. Sie unterhalten in dem Land mindestens zwei Familiengesellschaften, die als Vermögensverwalter agieren. Die erste heißt BNF Capital. Sie investierte in die Nuklearpläne von Rolls Roye und wurde bis vor kurzem geführt von dem ehemaligen Perenco -Chef Jean-Michel Runacher. Der Vater der französischen Energiewendeministerin Agnes Pannier-Runacher wurde unlängst just an jenem Tag aus dem Unternehmensregister gestrichen, als Investigate Europe enthüllte, dass bei der Ministerin ein möglicher Interessenskonflikte besteht. Die zweite Gesellschaft heißt Perwyn. Sie verwaltet nach eigenen Angaben Vermögenswerte in Höhe von mehr als 2,5 Milliarden Euro. Investigate Europe konnte zahlreiche Verbindungen dokumentieren zwischen Perwyn sowie Steuerparadiesen wie Bahamas, Guernsey, Gibraltar und Luxemburg.

Beeindruckendes Portfolio in Luxemburg

Perencos Eigentümer verdienen sich auch außerhalb ihres Heimatlandes eine goldene Nase. In Luxemburg konnte Investigate Europe 89 Unternehmen ausfindig machen, die mit den Perrodos in Verbindung stehen. Eine Analyse der Unternehmen, bei denen die Beteiligungsverhältnisse einsehbar sind, zeigt, dass die Familie in Luxemburg Vermögenswerte in Höhe von mehr als zwei Milliarde Euro besitzt. Drei Viertel der Unternehmen geben als ihren Hauptzweck Immobilieninvestitionen an, vor allem in Spanien und Portugal, aber auch in den USA und Panama.

Die Perrodos haben auf der iberischen Halbinsel den milliardenschweren Immobilienentwickler Kronos mitgegründet. Der verwaltet nach eigenen Angaben rund 100.000 Wohnungen. Kronos baute von Lissabon bis Barcelona Häuser am Meer, darunter Wohntürme und Einkaufszentren, wie jenes in Cáceres.

Kronos Unternehmensstruktur besteht aus vielen kleineren Einheiten in Luxemburg. Darunter sind Verwaltungsgesellschaften, Finanzfonds und Projektholdings mit spanischen und portugiesischen Tochtergesellschaften.

Dort, in Luxemburg, sind die Perrodos Hauptinvestoren in Dutzenden der Kronos-Gesellschaften. Die Anteile werden von Briefkastenfirmen in Steueroasen gehalten.

„In diesem speziellen Fall [in Luxemburg] ist die Familie Perrodo zwar Mehrheitsaktionär, aber das bedeutet nicht, dass sie auch die Mehrheitsaktionäre der Projekte sind, die wir verwalten“, teilte Kronos Investigate Europe auf Nachfrage mit. Der Aktienbesitz sei „ziemlich breit gefächert“.

Der CEO von Kronos und libanesische Financier, Saïd Salim Hejal, ist ein wiederkehrender Partner. Weitere sind TIAA, ein US-amerikanischer Pensionsfonds, und Françoise Bettencourt, die reichste Frau der Welt an der Spitze des Kosmetikmultis L’Oréal.

Die Immobilienentwicklung ist nicht der einzige Sektor, der die Perrodos in das steuerfreundliche europäische Land lockt. Von Luxemburg aus verwaltet die Familie auch ihre Weinprojekte. Die Perrodos kontrollieren mit 328 Millionen Euro Weinberge in Südwestfrankreich sowie einen Anteil von 22,6 Prozent an Taittinger, einem weltberühmten Champagnerhersteller.

Zu den weiteren Beteiligungen gehören laut der aktuellsten Eintragungen im Luxemburger Unternehmensregister 79,7 Prozent an dem französischen Online-Medium Konbini, 9,5 Prozent an dem französischen Start-up-Unternehmen Wynd und mehrere Akquisitionen, die unter dem Dach des Vermögensverwalters Perwyn getätigt wurden. Darunter sind die Miss Group, ein schwedischer Webhosting-Anbieter, und Isla Delice, Frankreichs führender Hersteller von Halal-Fleisch.

Knapp eine Million Euro Steuern vermieden bei spanischem Projekt

Die Perrodos nutzen nicht nur Steueroasen, um ihre Investitionen in Europa zu lenken. Sie verwenden Offshore-Konstrukte auch, um aus ihren Tochtergesellschaften und Joint Ventures Gewinne zu ziehen.

Die Briefkastenfirmen, gegründet in Luxemburg, Guernsey und auf den Bahamas, verfügen über zwei Möglichkeiten, das zu tun. Die eine besteht darin, Dividenden von Tochtergesellschaften in ganz Europa zu kassieren, die andere in Form von konzerninternen Darlehen, deren Zinsen weit über der Marktentwicklung liegen.

Zum Beispiel in Spanien: Im Jahr 2020 stellte Kronos H2O fertig, einen modernen Komplex mit 252 Wohnungen und 18 Einzelhandelseinheiten in Badalona, einem Küstenvorort von Barcelona. Hinter dem Projekt steht eine 2015 gegründete luxemburgische Gesellschaft, die Barkeno sarl. Deren Haupteigentümer sind die Perrodos, die 68 Prozent der Anteile halten.

Zwischen 2015 und 2017 erhielt Barkeno 19 Millionen Euro von Tchack Limited, einer Firma auf den Bahamas, die der Familie gehört. Das Geld wurde sofort in Kredite für Barkeno Developments umgewandelt, die spanische Tochtergesellschaft, die für den Bau von H2O für Kronos zuständig ist. Der vereinbarte Zinssatz betrug exorbitante 8 Prozent und lag damit weit über marktüblichen Werten.

Zum Vergleich: Barkeno Developments erhielt 2015 von einer spanischen Bank eine weitere Finanzierung in Höhe von 8 Millionen Euro mit einem Zinssatz zwischen 2,5 Prozent und 3 Prozent.


Die Zinsrate für den Kredit an Barkeno Developments betrug 8 Prozent, deutlich mehr als marktüblich.

Warum sollte ein Unternehmen bereit sein, das Dreifache für ein Darlehen seiner Aktionäre zu zahlen, wenn die Banken weitaus weniger verlangen? Die Antwort ist einfach: Um weniger Steuern zu zahlen und gleichzeitig den Eigentümern mehr Gewinne zukommen zu lassen.

In dieser Hinsicht erwies sich Barkeno Developments für die Perrodos als äußerst profitabel. Insgesamt flossen fast 16,5 Millionen Euro an Gewinnen aus dem H2O-Projekt von Spanien nach Luxemburg und weiter ins Ausland.

Bis 2021 schickte Barkeno Developments über 12,6 Millionen Euro an Dividenden an seine luxemburgische Muttergesellschaft und zahlte sein gesamtes Darlehen mit zusätzlichen 5,8 Millionen Euro Zinsen zurück. Das sind 3,8 Millionen Euro mehr, als eine Bank verlangt hätte.

Da dieser Betrag als Aufwand betrachtet wird, konnte das Unternehmen seinen Gewinn entsprechend verringern. Und da die spanische Gewinnsteuer 25 % beträgt, konnte Kronos vermeiden, fast 1 Million Euro an den Staat zu zahlen.

Kronos erklärte gegenüber IE, dass diese Darlehen unter keinen Umständen vergeben wurden, um den angeschlossenen Unternehmen zusätzliche Kosten in Rechnung zu stellen. „Solche Zinssätze können nicht mit Bankdarlehen verglichen werden, da letztere in der Regel durch eine Hypothek auf die Immobilie gesichert sind, während die Investoren mit höheren Risiken konfrontiert sind“, so der Sprecher.

Die internationalen Steuervorschriften besagen jedoch, dass konzerninterne Transaktionen zwischen Unternehmen mit denselben Eigentümern zu Marktpreisen durchgeführt werden müssen. Das bedeutet, dass die Darlehenszinsen näher bei 3 % als bei 8 % hätten liegen müssen.

Dieses Vorgehen ist in der Unternehmenswelt der Perrodos nicht unüblich. Tatsächlich fand IE ähnliche Darlehen mit Zinsen zwischen 7 Prozent und 10 Prozent in den jüngsten Unterlagen von 18 luxemburgischen Unternehmen, bei denen die Familie eindeutig Mehrheitsaktionär ist.

Die gleiche Masche wurde 2019 auch im Vereinigten Königreich angewandt. Mact Holding, eine über die Bahamas registrierte britische Firma, gewährte zwei Darlehen in Höhe von 3 Millionen Pfund mit 15 % Beteiligung an Joint Ventures, die sich im Miteigentum der Familie befinden und Luxuswohnungen im Westen Londons entwickeln.

Wie bei Barkeno in Spanien lag dieser überhöhte Zinssatz weit über der Marktentwicklung. Eine britische Bank gewährte dem Projekt ebenfalls Darlehen in Höhe von mehreren Millionen Pfund zu einem Zinssatz von nur 5,25 Prozent.

Manchmal haben sich die Eigentümer von Perenco auch dafür entschieden, Immobiliengesellschaften in ihrem eigenen Namen zu gründen anstatt mit Offshore-Vermittlern. Während sie ihre Identität dabei nicht verstecken, investieren sie doch astronomische Summen. Ein solches Beispiel dafür ist die im Vereinigten Königreich registrierte Fanagan Ltd. Das Unternehmen wurde für die „Verwaltung von Wohnimmobilien“ gegründet. Es verfügt über ein Kapital von 100 Millionen Pfund.

Während die Unternehmen der Perrodos im Vereinigten Königreich nur selten direktes Eigentum sind, scheint dies in Frankreich häufig der Fall zu sein. In ihrem Herkunftsland kauften Immobilienfirmen, die auf ihren eigenen Namen lauten, Immobilien im Wert von Millionen Euro. Der Schwerpunkt lag besonders auf dem sonnenverwöhnten Südosten und den Skigebieten in den Alpen. Dazu gehörten eine 20-Millionen-Euro-Villa in der Nähe von Saint-Tropez und mehrere Chalets, einige für 10 Millionen Euro oder mehr.

Zu den Zahlen in diesem Artikel befragt, sagte ein Sprecher der Perrodos: „Als privates Unternehmen macht die Familiengesellschaft keine Angaben zu einzelnen Investitionen, die über das hinausgehen, was öffentlich zugänglich ist, und es wird erwartet, dass bei jeder Berichterstattung über öffentliche Informationen klar ist, dass alle rechtlichen Anforderungen eingehalten wurden.“