Doppelstandards der Lebensmittelkonzerne: Andere Länder, schlechtere Qualität

Photo: Juliet Ferguson

Die Vorwürfe waren schwerwiegend: Lebensmittelkonzerne würden in den neuen mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten Produkte verkaufen, die von deutlich minderer Qualität seien, als jene, die in westeuropäische Staaten in den Supermarktregalen liegen.

Vor zehn Jahren ließ der slowakische Verbraucherverband die Qualität von Lebensmitteln in unterschiedlichen EU-Staaten testen. In acht Ländern kauften die Verbraucherschützer unter anderem Softdrinks sowie Schokolade und analysierten deren Inhalt. Der, so stellten sie fest, unterschied sich deutlich von Land zu Land.

Von der Studie erfuhren Lebensmittelkontrolleure und Verbraucherschützer anderer mittel- und osteuropäischen Länder. Sie begannen ebenfalls Lebensmittel zu kaufen, zu testen und die Ergebnisse in Studien zu publizieren. Sie sammelten Indizien dafür, dass es einen Doppelstandard bei der Lebensmittelqualität in der Europäischen Union gab.

Anfang 2017 zürnte der damalige tschechische Landwirtschaftsminister Marian Jurečka, dass der Osten es leid sei, „Europas Mülleimer“ zu sein. Der damalige bulgarische Premier Bojko Borissow warf der EU sogar vor, in der Union herrsche eine „Lebensmittel-Apartheid“.

In Brüssel bemühte man sich, die Debatte zu beruhigen. Der damalige Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker schaltete sich ein. In seiner jährlichen Rede zur Lage der Europäischen Union versprach er im September 2017, dass „in einer Union der Gleichen es keine Verbraucher zweiter Klasse“ geben könne. Er werde es „nicht akzeptieren“, dass Menschen in Teilen Europas qualitativ schlechtere Lebensmittel verkauft werden würden. „Slowaken haben nicht weniger Fisch in Fischstäbchen verdient, Ungarn nicht weniger Fleisch in Fleischgerichten oder Tschechen weniger Kakao in der Schokolade.“

Vier Jahre später haben wir bei Investigate Europe uns gefragt, ob die EU-Kommission ihr Versprechen gehalten hat und Lebensmittel europaweit dieselbe Qualität haben. Wir konnten natürlich nur Stichproben nehmen und wir haben uns dafür mit Journalistenteams in Mittel- und Osteuropa zusammengetan. Gemeinsam haben wir einen Warenkorb mit 24 Lebensmittelprodukten erstellt. Zu diesen gehören unter anderem Marmelade, Eiscremes, Tiefkühlpizzen, Fischstäbchen und Kekse. Gemeinsam mit den Medienpartnern haben wir diese Waren in 15 west- und europäischen Staaten eingekauft und anschließend verglichen. Außerdem haben wir fünf populäre Softdrinks anhand der Herstellerangaben aus ganz Europa verglichen.


Der Warenkorb

Welche Produkte hat Investigate Europe in welchen Ländern verglichen? Finden Sie es heraus.

Dabei stellten wir fest, dass dasselbe Produkte in verschiedenen Staaten immer noch verschiedene Zutaten enthalten kann. Die Qualität der Lebensmittel variiert mitunter stark zwischen EU-Staaten. Aber es lässt sich anhand unserer Auswahl nicht belegen, dass Lebensmittel in Mittel- und Osteuropa generell qualitativ minderwertiger sind als in Westeuropa.

Allerdings gibt es zwei Inhaltsstoffe, die in westeuropäischen Lebensmitteln kaum oder gar nicht vorkamen, in den östlicheren Ländern aber schon: Palmöl und Glukose-Fruktose-Sirup, billige Alternativen zu Pflanzenöl und Zucker.

Palmöl: Ein Fett, das Gesundheit und Umwelt schadet

Mehrere Produkte unseres Warenkorbs enthielten nur in Osteuropa Palmöl. Der Bahlsen-Konzern mischt das Öl lediglich in die Schokokekse, die in Bulgarien verkauft werden. Unilever mischt Palmöl nur in Cornetto-Eis, das in polnischen Eistruhen liegt. Zu dem Unterschied wollte sich Unilever nicht äußern.

Palmöl bietet für die Konzerne einen offensichtlichen Vorteil: Es ist das billigste Pflanzenöl. „Wenn wir Palmöl von der anderen Seite der Welt importieren, ist das günstiger als wenn wir Rapsöl in Europa anbauen“, sagt Björn Bernhardson. Dessen schwedische NGO Äkta Vara setzt sich für Lebensmittel ohne Zusatzstoffe ein. Ein weiterer Grund warum Lebensmittelhersteller Palmöl einsetzen, ist dessen Konsistenz. Bei Raumtemperatur ist Palmöl fest wie Butter.

Immerhin: schlechter schmecke Palmöl laut Bernhardson nicht. Kund:innen könnten ein Cornetto-Eis aus Warschau wohl nicht von einem Cornetto-Eis aus Berlin unterscheiden, sagt Bernhardson. Auch wenn nur eines Palmöl enthalte. Denn bei der Eis-Herstellung würde zunächst der Eigengeschmack des Öls neutralisiert. Den Prozess erklärt Bernhardson so: „Zuerst wird der Geschmack der einzelnen Zutaten entfernt. Die gewünschten Aromen werden anschließend einzeln hinzugefügt.“

Das billige Palmöl hat seinen Preis. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO könnte Palmöl im Zusammenhang stehen mit gesundheitlichen und ökologischen Schäden. Im Vergleich mit anderen Pflanzenölen enthält Palmöl deutlich mehr gesättigte Fettsäuren. Der Anteil dieser Fettsäuren in Palmöl beträgt knapp 50 Prozent. Damit liegt er vier- bis fünfmal über dem Anteil gesättigter Fettsäuren in Raps- oder Sonnenblumenöl. Europäische Lebensmittelagenturen empfehlen Bürger:innen möglichst wenig gesättigte Fettsäuren zu konsumieren. Denn diese stünden in Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) weist auf eine zweite mögliche Gefahr für die Gesundheit hin, die von Palmöl ausgehen könne. Die Efsa untersuchte, welche Substanzen entstehen, wenn Pflanzenöle bei einer Temperatur von knapp 200 Grad raffiniert werden. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass bei der Palmöl-Herstellung die meisten gesundheitsschädlichen Substanzen entstanden.

Europaweit mehren sich Zweifel daran, ob Palmöl in Lebensmitteln verwendet werden solle. Hersteller sollen deshalb prüfen, ob dies in ihren Produkten notwendig ist – dazu gehört auch Ferrero. Zu dessen Produkten gehört Nutella (dessen Zutaten in ganz Europa komplett identisch sind), ein Aufstrich aus Fett, Zucker, Haselnussmark und 32 Prozent Palmöl. Zu der Zielgruppe gehören auch Kinder.

Neben möglichen Gefahren für die Gesundheit, hat der Anbau von Palmöl enorme Umweltauswirkungen. Ein Grund dafür, dass das Öl so günstig gehandelt wird, ist auch, dass neue Anbauflächen günstig erschlossen werden, in dem Tropenwälder niedergebrannt werden.



Während unserer Recherche fanden wir Hinweise darauf, dass einige Hersteller unlängst Palmöl aus der Rezeptur der Produkte strichen, die sie in Osteuropa vertreiben. Laut den Websites mehrerer Online-Händler in Ungarn und Estland enthalten beispielsweise Oreo-Kekse Palmöl. Doch auf den Produktverpackungen fehlte dieser Hinweis. Auf Nachfrage erklärte Oreo-Produzent Mondelez, dass Ende des vergangenen Jahres in Ungarn und Estland das Oreo-Rezept geändert worden sei. Die Kekse enthielten nun kein Palmöl mehr.

Auch der multinationale Lebensmittelkonzern Pepsico hat Palmöl aus Lebensmittelrezepten in Estland gestrichen. Dorito Nacho-Chips mit Käsegeschmack sollten laut mehrerer estnischer Online-Händler Palmöl enthalten, doch auf der Chipspackung im Geschäft fehlte der Hinweis. Pepsico teilte auf Nachfrage mit, dass „in den vergangenen Jahren“ europaweit „einige Änderungen an dem Rezept“ vorgenommen worden seien. Statt Palmöl verwendet Pepsico nun andere Pflanzenöle, die wenige gesättigte Fettsäuren enthalten, unter anderem Maisöl.

Lebensmittelkonzerne verweisen auf regionale Vorlieben

Investigate Europe kontaktierte Lebensmittelhersteller, die in unterschiedlichen EU-Staaten Produkte mit unterschiedlichen Inhaltsstoffen vertreiben. Die Unternehmen bestreiten, dass sie Verbraucher bewusst in die Irre führen – was nach EU Regeln verboten wäre. Stattdessen argumentieren sie, dass sie ihr Angebot an regionale Geschmacksvorlieben anpassen würden. Dabei verliert Palmöl in der Herstellung seinen Geschmack.

Die Unternehmen wiesen auch auf die Besonderheiten hin, wo zum Teil bestimmte Rohstoffe lokal bezogen werden können. Firmenvertreter versuchten zudem die Kritik der mittel- und osteuropäischen Politiker herunterzuspielen. Andere Rezepte würden nicht die Gesundheit der Verbraucher gefährden. Sie verwiesen auch darauf, dass korrekte Methode bei den Produkttests zu verwenden seien, damit Ergebnisse überhaupt vergleichbar seien.

Die Warschauer Juristin für Lebensmittelrecht Alicja Michałowska kritisiert dennoch scharf, dass Unterschiede in den Inhaltsstoffen gemacht werden: „Rapsöl durch Palmöl zu ersetzen, bedeutet die Qualität des Produkts zu verändern. Davon sollten Konzerne absehen, denn Verbraucher haben keine Wahl“. Sie habe bisher auch keine Studie lesen können, die zu dem Ergebnis kommt, dass Verbraucher Palmöl vorziehen würden. Rechtlich würde es sich um eine Qualitätsänderung handeln.

Ebenfalls in Warschau führt die Stiftung Pro-Test unabhängige Lebensmitteltests durch. Dort arbeitet Joanna Wosinska. Sie sagt, dass die EU-Richtlinie zu doppelten Lebensmittelstandards bisher nicht erfolgreich gewesen sei. „Als die Kommission sich des Themas annahm, haben die Lebensmittelkonzerne massiv lobbyiert“, sagt sie. „In der Richtlinie gibt es ein Schlupfloch, dass es erlaubt Produkte mit denselben Namen aber mit unterschiedlichen Zutaten zu vertreiben.“ Das Problem sei, dass laut der Richtlinie die Verbraucher nachweisen müssten, dass sie getäuscht wurden, sagt Wosinska. „Aber niemand beginnt einen Rechtsstreit wegen einer Packung Kekse.“ Die Konzerne würden immer wieder auf regionale Geschmacksunterschiede verweisen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Polen oder Tschechen sich Produkte von minderer Qualität wünschen.“

Tausende Kilometer entfernt an der Universität Lissabon forscht Isabel Januário zu Lebensmitteln. Auch sie zweifelt daran, dass sich mit regionalen Geschmacksvorlieben die unterschiedlichen Inhaltsstoffe erklären lassen. „Der Grund für die Unterschiede ist ein wirtschaftlicher“, sagt Januário. „Firmen versuchen Gewinn zu machen mit dem Unterschied zwischen den Kosten der Zutaten und dem Preis des Produkts.“

Noch billiger als Zucker: Fruktose-Glukose-Sirup

Konzerne mischen denselben Produkten nicht nur unterschiedliche Öle zu, sie süßen sie auch unterschiedlich. Der Softdrinkkonzern Coca Cola süßt seine Coke, Fanta und Sprite in Westeuropa vor allem mit Zucker, in den osteuropäischen Staaten setzt er stattdessen auf Fruktose-Glukose-Sirup, eine billige Alternative.

Das sei nicht zum Nachtteil des Verbrauchers, argumentiert der Konzern. „Die Süßstoffe sind austauschbar, da sie eine ähnliche Zusammensetzung haben, fast die gleiche Anzahl an Kalorien enthalten und auch von der EU-Gesetzgebung gleich behandelt werden“, schreibt ein Coca-Cola-Sprecher. Welcher Süßstoff verwendet werde, hänge von „lokalen Gesichtspunkten“ ab, etwa welche Zutat verfügbar sei. „Damit, dass wir unsere Zutaten vor Ort beschaffen, unterstützen wir lokale Lieferketten und sorgen dafür, dass unsere Getränke bezahlbar bleiben und schmecken.“

Coca Colas größter Konkurrent, Pepsico, hingegen verwendet für seine Softdrinks Pepsi und 7 Up die gleichen Süßstoffe in allen EU-Staaten.

In zwölf von 13 europäischen Staaten mischte Unilever in sein Cornetto-Eis Zucker, Glukosesirup und Glukose-Fruktose-Sirup. Nur in Polen wurde das Eis ausschließlich mit Glukose-Sirup gesüßt.

Wie Palmöl verglichen mit anderen Pflanzenölen ist auch Fruktose-Glukose-Sirup deutlich billiger als Zucker.

Für die schwedische NGO Äkta Vara arbeitet Ivar Nilsson zur Qualität von Lebensmittel. Er sagt: „Gewöhnlicher Zucker wird entweder aus Zuckerrüben oder aus Zuckerrohr hergestellt. Die kann man nicht überall anbauen. Glukosesirup hingegen wird aus Mais, Kartoffeln oder Weizen hergestellt. Man kann jede Stärke nehmen, die lokale Stärke oder die, die gerade am billigsten ist, und sie in eine Art Zucker verwandeln.“

Aber schmecken die Produkten deshalb schlechter? Das behaupten zumindest einige Kritiker. In einer Studie der Universität Michigan aus dem Jahr 2011 sollten knapp 100 Personen Joghurt testen und bewerten, der mit Zucker gesüßt war oder mit Fruktose-Glukose-Sirup. Sie bevorzugten jenen Joghurt, dem gewöhnlicher Zucker beigemischt worden war.

Zwischen Zucker-Konsum und Übergewicht insgesamt gibt es einen eindeutigen Zusammenhang. Laut Wissenschaftlern kann Übergewicht als globale Pandemie eingestuft werden. In den Jahren 2006 bis 2016 galten in den EU-Staaten fast 18 Prozent der Vorschüler als übergewichtig. Dagegen gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob eine der Zuckerarten besser oder schlechter ist. Glukose ist allerdings nur etwa halb so süß wie gewöhnlicher Zucker. Fruktose ist süßer. Je nach Sirupmischung muss mehr oder weniger der jeweiligen Zuckerart enthalten sein, um das gleiche Maß Süße zu enthalten.

Auf Nachfrage teilte Coca Cola Investigate Europe mit, dass die Getränke des Konzerns mit Rohrzucker, Rübenzucker oder Süßstoff aus Mais gesüßt würden. In der Mitteilung Coca Colas heißt es, das gelte unter anderem für Coca Cola Original Taste, das weltweit in mehr als 200 Ländern vertrieben werden. Damit der Geschmack gewahrt bleibt, werde etwas mehr Süßstoff aus Mais verwendet als gewöhnlicher Zucker.

Laut des europäischen Lobby-Verbandes der Stärkeproduzenten, Starch Europa, sei die häufigere Verwendung von Fruktose-Glukose-Sirup kein Beleg dafür, dass es innerhalb der EU einen Doppelstandard für Lebensmittel gebe. Vielmehr gebe es zwei Gründe dafür: Erstens würde in Osteuropa viel Mais angebaut, aus dem Maissirup gewonnen werden könnte. Zweitens habe die Zuckerquotenregelung der EU, die bis 2017 galt, vorgesehen, dass mehr Glukose-Fruktose-Sirup in osteuropäischen Staaten produziert werden konnte als in westeuropäischen.

Lebensmittelzutaten unterscheiden sich europaweit

Wenn es um die Verwendung von Glukosesirup statt gewöhnlichem Zucker gibt, lässt sich ein deutlicher Unterschied zwischen westeuropäischen und osteuropäischen Ländern erkennen. Ein ähnliches, etwas schwächeres Muster lässt sich erkennen, wenn es um Palmöl und andere Pflanzenöle geht.

Während der Recherche stellten IE und die Recherchepartner aber nicht nur Ost-West-Unterschiede fest. So hatten in Portugal viele Schokoladen-Produkte eine höhere Qualität als im Rest der EU. Ein Cornetto-Eis in Lissabon enthielt so als einziges Kakaobutter. In Schokoladentafeln der Marke Cote d’Or sowie die Mikado-Schokokeksen steckt deutlich mehr Kakaobutter.

Auch bei Softdrinks variiert der Anteil wichtiger Inhaltsstoffen innerhalb der EU. So unterschied der Anteil an Orangen- und Zitronensaft deutlich, der dem Softdrink Fanta zugemischt wird. Hier gibt es allerdings eher ein Nord-Süd- als ein Ost-West-Gefälle. So enthält Fanta in südeuropäischen Ländern wie Griechenland, Italien oder Spanien einen hohen Anteil Fruchtsaft (zwischen acht und 20 Prozent), in nördlichen EU-Staaten enthält Fanta nur vier bis sechs Prozent Fruchtsaftanteil.

Der Coca-Cola-Konzern begründet den Unterschied damit, dass in den jeweiligen Fanta-Rezepten auch lokale Geschmacksunterschiede berücksichtigt würden. In einer Mitteilung des Konzerns heißt es: „Alle Rezepte für Fanta-Orange enthalten Orangensaft.“ Die Menge des Saftes variiere auch aufgrund von örtlichen Vorschriften. Dennoch entspreche Fanta laut dem Cola-Konzern „vergleichbaren lokalen Produkten in jedem Land“.

Für den Großteil der Lebensmittel im Warenkorb von Investigate Europe untersuchte, ließen sich zwar Unterschiede, aber keine eindeutigen geografischen Muster erkennen.

Der Fischanteil in den Fischstäbchen von Captain Iglo zum Beispiel variierte zwischen 58 und 65 Prozent – ohne das eine geografische Verzerrung erkennbar wurde. So deutet nichts darauf hin, dass Slowaken in ihren Fischstäbchen weniger Fisch bekommen als andere Europäer, so wie es einst im Jahr 2017 der damalige Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, befürchtete.

Der Anteil von Fleisch, den der italienische Konzern Barilla seiner Bolognesesauce beimischt, variiert in den EU-Staaten zwischen 16 und 19 Prozent. Der Anteil an Haselnuss, den der Milka-Konzern seiner Schokolade beigibt, variiert zwischen 17 und 20 Prozent. Kreuz und quer durch die EU.


Photo: Anne Jo Lexander

Es bleiben Unterschiede

Das passt zu den Ergebnissen, die EU-Institute präsentiert haben: Im Jahr 2017 hatte die EU-Kommission das Joint Research Committee (JRC) darum gebeten, Produkte mittels einer einheitlichen Methode europaweit zu vergleichen. Der erste Bericht des JRC erschien im Jahr 2019. Darin kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass nur etwa ein Drittel der mehr als 100 untersuchten Produkte dieselben Inhaltsstoffe enthielten. Die Zutaten der restlichen Lebensmittel variierten. Doch kein durchgehendes Muster konnten die Forscher nicht erkennen.

Sollten Produkte, die unter demselben Namen verkauft werden, dieselben Inhaltsstoffe enthalten? „Dieselbe Marke sollte überall in Europa dasselbe Produkt verkaufen“, sagt die Lebensmittelexpertin der Universität Lissabon, Isabel Januário. „Wenn ich einen Softdrink in Spanien oder Frankreich kaufen, erwarte ich, dass er dieselben Zutaten enthält wie in Portugal.“

Gemäß der EU-Richtlinie über unlautere Geschäftspraktiken (UCPD) ist es Unternehmen untersagt, irreführende und aggressive Geschäftspraktiken zu betreiben, die den Verbrauchern schaden. Während der Debatte um doppelte Lebensmittelstandards in der EU wurde die Richtlinie 2019 geändert.

Nun sieht die Richtlinie vor, dass es irreführend sei, wenn eine Ware in unterschiedlichen europäischen Staaten identisch vermarktet werde, aber eine „signifikant unterschiedliche Zusammensetzung oder Eigenschaften“ aufweise – außer dies sei „durch legitime und objektive Faktoren gerechtfertigt“.

Dieser Zusatz wird Ende Mai 2022 in Kraft treten. Er könnte den nationalen Behörden die Arbeit erleichtern. Denn sie sind es, die fallabhängig beurteilen können, ob sich Produkte so erheblich unterscheiden, dass ein Verbraucher eine andere Wahl getroffen hätte, wenn er von den eigentlichen Inhaltsstoffen erfahren hätte.

„Das EU-Recht regelt generell nicht die Zusammensetzung von Produkten. Was Lebensmittel betrifft, müssen Händler die strengen Sicherheitsanforderungen des EU-Lebensmittelrechts einhalten. Sie können ihre Produkte an lokale Anforderungen anpassen, zum Beispiel unterschiedliche Produktionsmethoden oder die Verwendung von Rohstoffen an verschiedenen Produktionsstandorten. Sie dürfen diese differenzierten Produkte jedoch nicht als gleichartig vermarkten“, erklärt ein Beamter der Europäischen Kommission.

„Das Problem, um das es geht, ist die Vermarktung verschiedener Produkte als identisch und nicht ihre ‚Qualität“ als solche, die ein weitgehend subjektiver und rechtlich nicht definierter Begriff ist“, sagt der Beamte.

Biljana Borzan, eine kroatische Europaabgeordnete der Sozialdemokraten, die 2018 eine Resolution des EU-Parlaments mitverfasste, in der doppelte Lebensmittelstandards anerkannt und kritisiert werden, sagt, dass es eine Frage des Verbrauchervertrauens ist, dass unterschiedliche Lebensmittel in der EU unter demselben Namen verkauft werden. Der Verbraucher erwarte die gleiche Qualität von der gleichen Marke, unabhängig vom Land der Produktion oder des Einkaufs, sagt sie. Wie bei allen EU-Gesetzen steckt der Teufel im Detail. Es wird Auslegungssache sein, ob das polnische Cornetto-Eis, das mit Palmöl hergestellt wird, eine „signifikant andere Zusammensetzung oder Eigenschaften“ hat als das portugiesische Cornetto, das mit Kakaobutter und Sahne hergestellt wird.

Und ob der Preis von Zucker und die Verfügbarkeit von Maisstärke ein „legitimer und objektiver Faktor“ für die Verwendung von Glukose-Fruktose-Sirup in der ungarischen Coca Cola ist, während im österreichischen Erfrischungsgetränk Zucker verwendet wird.

Früher oder später werden diese gesetzlichen Bestimmungen interpretiert werden – wenn einige Verbraucher:innen dann doch wegen einer Packung Kekse vor Gericht ziehen werden.